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Integration braucht professionelle Strukturen

Veröffentlicht in Kommunalpolitik

Im Herbst wird in Gottmadingen eine Erstaufnahmeeinrichtung eröffnet, die Schritt für Schritt mit 435 Asylsuchenden belegt werden soll; meist Familien mit Kindern. Dazu hatte es bereits im Februar eine gut besuchte Veranstaltung in der FAHR-Kantine gegeben. Damals blieben jedoch viele Fragen zum ganz banalen Alltag der Menschen, die neu in unserer Gemeinde ankommen werden, offen. Deshalb lud die Gottmadingen zu einem Workshop mit dem Titel: „Herausforderung Integration. Wie kann sie gelingen?

Als kompetente Gäste waren eingeladen:  Ute Seifried, Sozialbürgermeisterin in Singen und Marian Schreier, Bürgermeister von Tengen. 23 interessierte Zuhörer, darunter viele ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe BIG aktiv, waren gekommen. Also ein Zehntel der Anwesenden im Vergleich zur obengenannten Informations-Veranstaltung im Februar. Dieser (erwartbare) Unterschied in den Besucherzahlen machte sozusagen auf den ersten Blick ein grundsätzliches Problem deutlich, das sich wie ein Roter Faden durch die Veranstaltung zog. Wie lassen sich die Lasten der Integration in einem Gemeinwesen schultern, sprich: was soll ehrenamtlich geschehen und wo braucht es professionelle Strukturen?

Die Zahlen sind bekannt. Zweitausend Flüchtlinge, die bis jetzt im Landkreis Aufnahme gefunden haben, werden länger bleiben, einige für immer; d.h. sie müssen nicht nur versorgt, sondern auch in unsere Gesellschaft integriert werden. Dies alles ist ein Kraftakt, der Kommunen vielfach bis an die Grenzen führt. Trotzdem waren die beiden Fachleute optimistisch und betonten übereinstimmend, dass niemand Angst haben muss. Schreier: „Niemandem wird etwas weggenommen.“ So würden zum Beispiel durch Belegung der baulich hochwertigen Erstaufnahmeeinrichtungen auch die Sporthallen zügig für den Vereins- und Schulsport wieder freigegeben.

Das neue Integrationsgesetz setze Standards, die zum Beispiel einer Ghettobildung entgegenwirkten. Allerdings müsse ehrlich gesagt werden, dass viele Strukturen sich erst im Aufbau befänden. Und damit sei nicht das Thema Wohnraum gemeint, das sei vergleichsweise einfach zu schaffen, so Schreier. Aber es fehlten zum Beispiel Lehrkräfte für deutsche Sprache und Sozialarbeiter. Da sei der Markt fast ‚leergefegt‘. Auf der anderen Seite gäbe es für Flüchtlinge bereits viele Angebote (z.B. über die Agentur für Arbeit), allerdings bekämen die Flüchtlinge diese oft sehr kurzfristig und in deutscher Sprache (Behördendeutsch!), oder es fehle die Abstimmung der Förderprogramme untereinander. Fazit: Da muss Struktur rein! Immens wichtig seien deshalb Vernetzung und Erfahrungsaustausch auf allen Ebenen.

Das Gleiche gilt auch für die Vermittlung in Arbeit. Generell ist die Nachfrage nach Arbeit bei den Flüchtlingen sehr hoch. Und dies nicht nur unter dem Gesichtspunkt, dass die leeren Tage in einer Unterkunft zu lang werden. Die Menschen wollen eigenes Einkommen erwirtschaften und nicht am Tropf der Sozialsysteme hängen, machten beide Referenten deutlich. Auf dem Weg in ein ordentliches Beschäftigungsverhältnis stehen allerdings viele Hürden, und diese sind zumeist bürokratischer Natur. Arbeitgeber, die bereit sind, einen Flüchtling zu beschäftigen, sehen sich einem verwirrenden Prozess gegenüber, der mit dem Begriff ‚Krieg der Formulare‘ treffend beschrieben sei, wie aus eigener leidvoller Erfahrung auch einige der Anwesenden bestätigen konnten.  Allerdings gibt es mit dem Projekt „Bleiben in Arbeit“ oder einem Pilotprojekt, das Praktika vermittelt, viele gute Ansätze. Die Vernetzung in der Region macht Fortschritte. Ansprechpartner finden sich bei den Flüchtlingshelferkreisen oder den Wohlfahrtsverbänden. „Es dauert zwar, aber da tut sich einiges“, freute sich einer der Anwesenden.

Als dritter Punkt wurde die Vermittlung von Kultur und Gepflogenheiten hervorgehoben. Hier spielen persönliche Kontakte, sei es über Paten oder Vereine, eine immens wichtige Rolle. Dabeisein ist alles; d.h. Flüchtlinge sollen mitkommen zu ganz normalen Veranstaltungen, die sowieso stattfinden. Das habe den besten Integrationseffekt.  

Natürlich mache die Wucht der Veränderungen vielen Bürgern Angst. Skeptiker und ‚besorgte Bürger‘ gab und gibt es. Zum Beispiel gab es in Tengen anfangs heftigen Widerstand gegen den Zuzug von Flüchtlingen. Was ist daraus geworden? Die Demonstranten von damals engagieren sich, man hat sich gegenseitig besser kennengelernt und anfängliche Skepsis und Ablehnung seien einer durchwegs wohlwollenden Stimmung gewichen, berichtet Schreier. Ähnliches berichtete Frau Seifried aus Singen, wo sich der Alltag der Flüchtlinge trotz teilweise schwer erträglicher Unterbringung überraschend friedlich und konfliktfrei gestalte. Alle geben offenbar ihr Bestes.

Seifried beschrieb lebhaft die Bandbreite der Menschen, die hier ankommen, dass man sie nicht über einen Kamm scheren könne und auch die Bedürfnisse unterschiedlich seien: „Vom Professor bis zum Analphabeten, von westlichen Frauen bis zu ganz Verschleierten, ist alles dabei“, sagte sie. „Und es sind beileibe auch nicht nur Muslime, es kommen alle Religionen.“

In diesem Zusammenhang betonte Seifried die Wichtigkeit einer guten Kinderbetreuung vor Ort. KiTas seien in den Herkunftsländern nahezu unbekannt, man habe auch ein anderes Verständnis von Kinderbetreuung, und so sei der Kontakt mit Erzieherinnen und den Strukturen im Kindergarten oft ein weiterer wertvoller Impuls zur Integration. Nahtlos weiter geht es mit den Schulen. Bei ca. 150 Kindern, die allein in Gottmadingen erwartet werden, müssen sich auch die Schulen auf schulpflichtige Neuankömmlinge aller Altersstufen  einstellen. Auch hier wird nachgebessert werden müssen. Und ohne die Mithilfe der Bevölkerung wird diese Aufgabe nicht zu stemmen sein.

Damit war man in der Diskussion bei einem zentralen Punkt angekommen: Das Engagement der Ehrenamtlichen ist essentiell – ohne sie geht es nicht. Wie heißt es so schön? ‚Ehrenamt ist gratis – aber nicht umsonst.‘ Das klingt zwar gut, kostet aber manchen, der sich für Flüchtlinge einsetzt schlaflose Nächte, wie einige Aktive eindrücklich erklärten. Behördenwahnsinn und nicht vorhandene Strukturen wirkten auf manche Ehrenamtlich auch schon fast traumatisierend, wie einer mit galligem Humor anmerkte. Wie kann also erreicht werden, dass die Motivation der Ehrenamtlichen den Gemeinden erhalten bleibt? Hierzu gab es viele Anregungen. Sie führten von Supervision und Kursen zur Professionalisierung (vhs) bis zum eher allgemein gehaltenen Tipp, sich abzugrenzen und sich z.B. gut zu überlegen, ob man auch am Wochenende für seine Schützlinge auf WhatsApp erreichbar sein muss. Für die genannten Weiterbildungen steht den Ehrenamtlichen ein Budget zur Verfügung. Es sollten ihnen deshalb keine eigenen Kosten entstehen.

Die weitere Diskussion wurde dann sehr konkret: Was Presse- und Meinungsfreiheit aber auch die Gleichberechtigung von Frauen bedeuten, da ist manchmal schon eine klare Ansage notwendig“, erklärte Seifried. In Schwimmbädern helfen dagegen so simple Maßnahmen wie Zweisprachigkeit bei der Beschriftung von Umkleidekabinen. Es habe keinerlei sexualisierte Gewalt gegeben, allerdings sei es zu einigen Missverständnissen im Badesommer gekommen. So etwas ließe sich aber einfach regeln – auch im Hinblick auf die bald beginnende Badesaison. In diesem Zusammenhang kam auch der mehrfach geäußerte Wunsch nach mehr Dolmetschern verbunden mit dem Hinweis, dass die  Beschäftigungsgesellschaft des Landkreises Übersetzer anbietet z.B. für eine Ersteinweisung an den Gerätschaften des Bauhofes, wo Asylbewerber im Rahmen eines 1,05 €-Jobs eingesetzt werden können. Amtliche Schreiben sollten in Zukunft zweisprachig abgefasst werden.

Weitere Themen waren die Ausstattung der Küchen in der geplanten Erstaufnahmeeinrichtung, die Organisation von Arztbesuchen, besonders für schwangere Frauen. Die Anregung, dass auch Schulsozialarbeit und Jugendhilfe in die Betreuung mit eingebunden werden sollten, stieß auf Zustimmung. Herausgehoben wurde ein Beispiel, wo eine Jugendliche Gleichaltirgen sehr engagiert und erfolgreich zur Seite stand. Dieser Ansatz birgt sicher viel positives Potential. 

Nach angeregter Diskussion, ließ sich das Ergebnis folgendermaßen darstellen:

  1. Wir brauchen mehr Paten!
  2. Wir brauchen weniger Papierkram!

Erfahrungsgemäß melden sich die meisten Helfer nach einer Informationsveranstaltung, 3 – 4 Wochen bevor damit begonnen wird, das Heim zu belegen.  Zeitnah und konkret … dies sei die Formel für die erfolgreiche Gewinnung neuer Mithelfer. Darauf solle man auch in Gottmadingen setzen. 

Im Bereich Papierkram tut sich auch einiges – aber das wird dauern. Wer weiß, vielleicht sind wir Deutschen ja irgendwann einmal dankbar für die Flüchtlingskrise, weil sie den Anstoß gab zu einer effizienteren und bürgerfreundlicheren Bürokratie? Schön wär’s!

ULRIKE BLATTER